Spiegel, Spiegel, Spiegel an der Wand

Es war einmal ein Land in der Zukunft. In diesem Land hatten die Menschen es geschafft, effiziente Maschinen zu bauen, die sie uneingeschränkt zur vollsten Zufriedenheit bedienten. Diese Maschinen standen den Menschen unermüdlich rund um die Uhr zur Verfügung. Es gab Maschinen, die putzten und Maschinen, die kochten. Es gab Maschinen, die Einkäufe erledigten. Maschinen, die Menschen sicher von einem Ort zum anderen brachten. Es gab Maschinen, die die Häuser der Menschen bewachten und Maschinen, die sich um Kinder, Alte und Haustiere kümmerten. Es gab für alle Bedürfnisse des Alltages eine passende Maschine. Nur für eine Sache konnte keine Maschine entwickelt werden, die optimal funktionierte. Es gab keine Maschine, die zufriedenstellend frisieren konnte. Dieses Handwerk beherrschten nach wie vor nur Menschen. Maschinen schnitten die Frisuren, die sie im Programm hatten, zwar einwandfrei und korrekt, aber weil kein Kopf dem Kopf eines anderen Menschen gleicht, gefielen die maschinell hergestellten Frisuren niemandem wirklich, und das machte die Menschen traurig und unzufrieden.

 

In diesem Land lebte eine Friseurin mit ihren zwei Töchtern. Der Friseurberuf war seit Generationen die Freude und Leidenschaft der Frauen dieser Familie. Ihre märchenhaft schönen Haarkunstwerke waren im ganzen Land bekannt und man sagte, dass die drei Frauen nicht nur die Haare, sondern auch die Herzen ihrer Kund*innen pflegten – und genau so war es auch.

 

Die Mutter und ihre Töchter wohnten in verschiedenen Städten der Gegend und betrieben dort ihre Frisiersalons. Die Salons sahen alle gleich aus. Sie waren winzig klein. Ein einziger Frisierstuhl stand vor einem großen Spiegel, der vom Boden bis zur Decke reichte, Waschbecken, Trockenhaube und eine Luke im Boden, durch die sie die abgeschnittenen Haare nach jedem Haarschnitt entsorgten. Die Salons kamen ganz ohne Schnickschnack aus. Von nah und fern kamen die Menschen und standen gedul-dig stundenlang Schlange, um sich dort frisieren zu lassen.

 

Sobald man im Friseurstuhl Platz nahm und durch den Spiegel in die Augen der Friseurinnen blickte, begann der Zauber dieser Frauen zu wirken. Eine große Ruhe und Entspannung überkam die Kund*innen. Sie fühlten sich wohl und wie zuhause. Manch einer öffnete seinen obersten Hosenknopf und manch eine lockerte ihren Büstenhalter, um endlich einmal wieder tief durchatmen zu können. Sie fühlten sich mit diesem Ort tief verbunden und verwurzelt, selbst wenn sie zum allerersten Mal in einem der Salons Platz genommen hatten.

 

Die Friseurinnen waren Meisterinnen ihres Handwerks. Sie schenkten ihren Kund*innen ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, während sie behutsam und sanft ganz selbstverständlich deren Haar zu Kunstwerken formten, welche die Schönheit ihrer Kund*innen voll und ganz zur Geltung brachten. Während die geschickten Hände wie von allein arbeiteten, blickten die Friseurinnen ihren Kund*innen über den Spiegel intensiv in die Augen und hörten aufmerksam zu, wenn diese über ihre großen und kleinen Sorgen, Freuden, Ärgernisse und Ängste erzählten. Sie lachten und weinten mit ihren Kund*innen, sie nahmen Anteil, trösteten, ermutigten und bestärkten. Sie vergaßen niemals eine Geschichte und erinnerten sich an jede Person, deren Haar sie einmal mit ihren Fingern berührt hatten. Wer sich von einer der drei Frauen die Haare machen ließ, fühlte sich verstanden und außen wie innen wunderschön.

 

Wenn Kund*innen fertig frisiert war und selbstbewusst mit hoch erhobenem Kopf den Salon verlassen hatten, öffneten die Friseurinnen die Luken im Boden ihrer Salons und kehrten die abgeschnittenen Haare hinein. Sie stellten sich für ein paar Augen- blicke vor ihre Spiegel, atmeten tief durch und läch-elten ihren Spiegelbildern zu. Dann wandten sie sich mit offenem Blick den nächsten Kund*innen zu, die ihre Salons betraten.

 

Jeden Abend, nachdem die letzten Kund*innen gegangen waren, verschlossen sie die Türen, ließen die Jalousien herunter, kehrten den Haarschnitt in die Luken und stellten sich zum letzten Mal an diesem Arbeitstag vor ihre Spiegel. Das Spiegelglas verän-derte sich. Es wurde durchsichtig und wie durch ein Fenster konnten sie einander sehen, wie sie da weit voneinander entfernt in ihren Salons standen. Sie lächelten einander zu, traten durch ihre Spiegel hindurch und befanden sich plötzlich gemeinsam in einer weiten Landschaft voller Raps- und Kornfelder, inmitten eines Feldes umringt von Korn- und Mohnblumen. Vor ihnen stand eine riesige Linde, die ein dickes Loch im Stamm hatte. Die Frauen stiegen eine nach der anderen in die Linde ein und befanden sich augenblicklich in der wundersamen Welt unter dem Baum und den Feldern.

 

Die dicken und starken Wurzeln der Linde bildeten eine Säulenhalle, in deren Mitte die geschnittenen Haare des Tages aufgetürmt zu einem Haarberg lagen. Daneben standen ein Spinnrad und ein Webstuhl. Die eine Tochter setzte sich ans Spinnrad und begann aus den Haaren einen langen feinen Faden zu spinnen. Die andere Tochter wickelte den Faden auf Webschiffchen. Während sich alle drei die Geschichten erzählten, die ihnen im Laufe des Tages anvertraut wurden, webte die Mutter diese als Bilder in den Teppich ein, der im Webstuhl eingespannt war. Jede Geschichte wurde zu einem weiteren Bild auf diesem märchenhaft schönen Teppich, der bereits so lang war, dass man nicht mehr sehen kon-

nte, wo er seinen Anfang genommen hatte. Er lief aus der Säulenhalle hinaus durch ein Labyrinth aus Kammern, Gemächern, Kojen, Hallen und Stuben,

die sich wie ungleich geschliffene Steine einer Halskette aneinanderreihten. Nachdem die letzte Geschichte des Tages eingewebt war, standen die drei Frauen auf, nahmen sich an den Händen, wanderten über den Teppich und blickten auf die Geschichten, deren Hüterinnen sie waren. Sie dachten an die Menschen, die jahrein, jahraus ohne es zu wissen über diesen Teppich hinweggehen, der alle über Generationen hinweg miteinander verbindet und auf dem die Gegend weich und sicher ruht. Sie lächeln bei dem Gedanken, dass die Kraft dieser Geschichten immer wieder an die Oberfläche kommt und mitten hinein wirkt in das Leben der Menschen. Bis in die Haarspitzen spüren diese dann urplötzlich eine tiefe Verbundenheit mit Menschen, Tieren und Orten. Sie können sich nicht erklären, warum das geschieht, aber sie sind unendlich froh, dass es so ist.

 

Wissend lächeln sich die drei Frauen an, klettern aus der Linde, umarmen sich und treten dann durch ihre Spiegel direkt in ihre Wohnungen. Auf die Mutter wartete ihre Katze, auf die eine Tochter ihre Frau und auf die andere ihre kleine Tochter. Bevor die Frauen müde und zufrieden zu Bett gehen, erzählen sie ihren Liebsten noch eines der Märchen, das sie vor wenigen Augenblicken gemeinsam gesponnen haben….

 

Beatrix Brunschko

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